BAUMEISTER - Die Vernetzung der Dinge

Architekturmagazin BAUMEISTER im Gespräch mit Andreas Diefenbach, Managing Partner von PHOENIX. Phoenix Design arbeitet seit Jahrzehnten mit großen Bad- und Sanitärunternehmen zusammen. Andreas Diefenbach, Designer und Managing Partner von Phoenix Design, erklärt im Interview, wie man eine Markensprache entwickelt und was die kommenden Trends in der Bad- und Sanitärbranchen sind. Das Interview führte Alexander Russ und erscheint in bei Baumeister in der Ausgabe Mai 2020.

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  • Baumeister: Herr Diefenbach, Sie arbeiten bei Phoenix Design viel für Bad- und Sanitärfirmen. Wie kam es dazu?

    Andreas Diefenbach: Andreas Haug, einer unserer Gründer, war zusammen mit Hartmut Esslinger ein Mitbegründer von frog design. Schon bei frog design entstand in den 1970er-Jahren eine Zusammenarbeit mit Klaus Grohe, dem Inhaber von Hansgrohe. Es gab am Anfang also eine direkte Beziehung zwischen Unternehmer und Designer. Diese Beziehung ging dann mit Phoenix Design weiter und ist bis heute existent. Wir gestalten alle Produkte und Produkterlebnisse der Marke hansgrohe.

    B: Sie haben gerade die direkte Beziehung zwischen Unternehmer und Designer erwähnt. Wie wichtig ist diese Beziehung für den Designprozess?

    A.D: Eine ähnliche Geschichte wie mit Hansgrohe gibt es auch mit Kaldewei. Diese Zusammenarbeit begann ebenfalls gleich nach der Gründung von Phoenix Design. Und von da an gab es dann immer mehr Kooperationen mit Bad- und Sanitärfirmen. Mit Duravit haben wir auch eine langjährige Beziehung und haben sehr erfolgreiche Produktlinien gestaltet. Am Anfang unserer Zusammenarbeit mit Bad- und Sanitärfirmen stand aber immer ein Unternehmer, der voll und ganz auf Design gesetzt hat, um sich und seine Marke zu differenzieren und einen Schritt voraus zu sein.

    B: Wie gehen Sie vor, um eine bestimmte Designsprache für eine Marke zu entwickeln?

    A.D: Da geht es um zwei Faktoren. Der erste Faktor betrifft die Mehrheitsfähigkeit und die damit verbundenen Fragen: Wie werden Bäder weltweit sein und was werden sie für die zukünftige Generationen bedeuten und aussehen? Wie entwickeln sich die Menschen, die unsere Produkte benutzen? Der zweite Faktor ist die Differenzierung: Was ist das Eigenständige der jeweiligen Firma? Jedes Unternehmen verfolgt dabei seine eigene Strategie. Bei hansgrohe definieren wir unsere Gestaltungsräume im Rahmen der Lebenswelten, die sich aus Persona, der passenden Stil Welt und einem Bedürfnis zusammensetzt. Darüber hinaus muss jedes Produkt den Menschen Tag für Tag rational und emotional berühren – unabhängig von seiner kulturellen Herkunft und der alltäglichen Umgebung.

    B: Wie funktioniert die Kommunikation mit den Auftraggebern während des Entwurfsprozesses?

    A.D: Hansgrohe ist hier ebenfalls ein gutes Beispiel, weil sich eine bestimmte Arbeitskultur in unserer Zusammenarbeit über die Jahrzehnte etabliert hat: Es gibt Strategiemeetings, die zwei- bis dreimal im Jahr stattfinden. Da setzen wir uns für drei Tage mit dem Vorstand und den Bereichsverantwortlichen zusammen und diskutieren die nächsten Schritte des Unternehmens – Design ist dabei stets ein integraler Bestandteil. Bei Duravit ist die Zusammenarbeit eher projektbezogen: Es geht also nicht um das große Ganze, sondern um eine konkrete Produktlinie. Die Zwischenstände werden dann im Monatsrhythmus mit dem Kunden besprochen und entschieden.

    B: Welche technischen Herausforderungen gibt es im Bad- und Sanitärbereich, gerade im Hinblick auf die Digitalisierung?

    A.D: Die Bad- und Sanitärbranche ist ja eher im positiven Sinn konservativ, weil sie ja direkt mit der Baubranche verflochten ist. Man baut ein Gebäude ja nicht, um es nach einem Jahrzehnt wieder abzureißen. Es hat also eine niedrig getaktete Lebenskurve. Die Digitalisierung ist das genaue Gegenteil, denken Sie nur an Ihr Smartphone. Das hat eine hoch getaktete Lebenskurve. Was uns immer wieder vor Herausforderungen stellt, ist die Frage wie diese beiden Welten zusammenkommen können. Und vor allem: Wie sind die Schnittstellen zwischen den langatmigen analogen Konstanten und den kurzatmigen digitalen Variablen zu gestalten?

    B: Sie haben ja gerade den Zeitfaktor angesprochen. Damit verbunden ist ja auch die Frage nach der Nachhaltigkeit eines Produkts.

    A.D: Die Frage nach der Nachhaltigkeit ist für unseren Beruf grundlegend. Als Designer kämpft man immer gegen die Zeit. Unser Ziel ist es immer, ein Produkt zu gestalten, das die Generationen überdauert – also zeitlos ist. Gerade im Bad- und Sanitärbereich haben die Produkte eine sehr hohe Lebensdauer. Deshalb ist Nachhaltigkeit für uns kein Trend, sondern eine Haltung – sei es in der Gestaltung, der Funktion oder in ökologischen Fragen der Ressourcen, Produktion oder täglichen Routinen, die ein nachhaltiges Verhalten fördern.

    B: Bei welchem Ihrer Produkte würden Sie sagen, dass es zeitlos ist?

    A.D: Da würde ich gerne ein aktuelles Beispiel nennen: die Kollektion „Rainfinity“ von hansgrohe. Die würde ich als zeitlose Linie bezeichnen, weil wir aus anderen Bereichen inspiriert wurden. Wenn man sich überlegt, welche Produkte von einer Generation an die nächste vererbt werden, dann ist das zum Beispiel Besteck oder Geschirr – also Objekte, die eine emotionale Bedeutung haben. Und das war die grundlegende Frage beim Entwurf von „Rainfinity“: Wie kann ich aus einem Sanitärprodukt ein Wohnobjekt machen?

    B: Wie haben Sie das konkret umgesetzt?

    A.D: Indem wir uns Anregungen beim Möbeldesign geholt haben. Deshalb erinnert die Kopfbrause von „Rainfinity“ an eine Leuchte. Die Schulterbrause kann zusätzlich als Ablage genutzt werden. Sie ist also eine Art Sideboard.

    B: Darauf bezieht sich auch meine nächste Frage: Wie beeinflusst denn die Arbeit aus anderen Bereichen Ihre Arbeit für Bad- und Sanitärfirmen?

    A.D: Das ist tatsächlich ein Vorteil, den wir hier bei Phoenix Design haben. Wir können ganz unterschiedliche Branchen zusammenbringen. Wenn wir das Knowhow, das sich aus der Zusammenarbeit mit einer Firma aus einer bestimmten Branche ergibt, auf eine Firma aus einer völlig anderen Branche übertragen, sind ganz neue und radikale Lösungsansätze möglich. Davon profitieren am Ende dann alle Kunden.  

    B: Sie haben Ihre Arbeit bei Phoenix Design in die Bereiche „Mobility“, „Home“ und „Work“ unterteilt.

    A.D: Ja, wir sind in diesen Bereichen tätig, weil wir der festen Überzeugung sind, dass alle drei Bereiche miteinander vernetzt sind. Das sind die drei Aggregatzustände des Menschen, in denen er sich Tag für Tag permanent bewegt. Das wollen wir in unserer Arbeit antizipieren und miteinander verbinden.

    B: Zum Schluss würde ich Sie noch gerne um einen Ausblick auf die Zukunft bitten: Was sind die kommenden Trends in der Bad- und Sanitärbranche?

    A.D: Als kommenden Trend würde ich den Menschen und seine Selbstwirksamkeit sehen. In diesem Zusammenhang würde ich gerne den Begriff „Internet of Me“ als erweiterten Begriff des „Internet of Things“ verwenden: Wie ist der Mensch mit sich vernetzt? Wie ist mein physiologischer und psychologischer Zustand? Übertragen aufs Bad heißt das: Wie reagiere ich auf Wasser und Licht, Wärme oder Kälte? Es geht also darum, die Sinne, die ich als Mensch habe, in eine Umgebung einzubetten, die multisensorisch ist. Das heißt, wir denken in Zukunft nicht in Technologie, sondern in Atmosphäre, die einem Individuum immer wieder persönlich begegnet. Es wird zukünftig zunehmend darum gehen, sich vorstellen zu können, was ein Individuum erwartet und was es sein und werden will.

    www.baumeister.de

     

  • Andreas Diefenbach, Managing Partner, PHOENIX Stuttgart/Munich/Shanghai

    Andreas Diefenbach (*1979) ist seit 2019 geschäftsführender Gesellschafter bei Phoenix Design Stuttgart/Munich/Shanghai. Seit 2006 ist er im Unternehmen und hat verschiedene Positionen bei Phoenix Design durchlaufen, zuletzt als Mitglied der Geschäftsleitung. Er absolvierte sein Studium in Industrial Design an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und der Folkwang Universität der Künste in Essen. Als Spezialist für die Sanitär- und Investitionsbranche hat er internationale Marken im Innovationsprozess betreut und als Geschäftsführer ist er heute u.a. auch verantwortlich für die Bereiche Business Development, HR und Marketing.

    Phoenix Design hält den ersten Platz „Best of“ im iF World Design Index „externe Designstudios“ und gilt als führendes unabhängiges Designstudio für Produkt- und Interface Design weltweit. Heute zählt PHOENIX 80 Mitarbeiter an den Standorten Stuttgart, München, Shanghai. Mit mehr als 800 internationalen Designpreisen wurde PHOENIX bereits ausgezeichnet, u.a. mit dem Ehrentitel „Red Dot: Design Team of the Year 2018“. Markenunternehmen wie AXOR, Deli, Haier, Hansgrohe, Huawei, Lamy, LG, Loewe, Stiebel Eltron, Still, Trumpf, Vorwerk, Wilkhahn, Xiaomi und Zeiss gehören zu den langjährigen Kunden.

    andreas.diefenbach (a) phoenixdesign.com