Phoenix Design

Bicycle Brand Contest 2017

Genau 200 Jahre nach Erfindung des Zweirads lobt der Rat für Formgebung zum zweiten Mal Auszeichnungen für herausragendes Produkt- und Kommunikationsdesign der Fahrradindustrie aus. Andreas Haug, Managing Partner und Gründer von Phoenix Design, ist Teil der Jury, die am 25.04.2017 die Gewinner auswählt. Sein Interview zum Bicycle Brand Contest 2016 lässt erahnen, worauf der leidenschaftliche Biker dieses Jahr besonders achtet.

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  • Andreas Haug, Gründer, Geschäftsführender Gesellschafter von Phoenix Design

    Andreas Haug, Gründer, Geschäftsführender Gesellschafter von Phoenix Design

    Andreas Haug (*1946), geschäftsführender Gesellschafter von Phoenix Design. 1987 gründete er gemeinsam mit Tom Schönherr das Designstudio Phoenix Design in Stuttgart. Der Werdegang von Andreas Haug ist aufs Engste mit dem Aufstieg des modernen deutschen Designs verbunden. Nach dem Designstudium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart war Andreas Haug Gründer und Mitinhaber von frogdesign, von 1984 bis 1987 als Design Consultant und Vice-President. Das Ende der 80er-Jahre gegründete Studio Phoenix Design wurde weltweit zu einer der ersten Adressen für Produkt- und Interaction Design. „Was uns wichtig ist, sind die Motive und Ziele unserer Kunden, die uns als Impulsgeber in ihre Strategie einbeziehen. Wir achten darauf, dass das Zusammenspiel zwischen Auftraggeber und externem Expertenteam rund läuft. Wir sind stolz darauf, dass dies immer wieder gelingt, teilweise über Jahrzehnte hinweg.“ Geehrt wurden Andreas Haug und Tom Schönherr bereits mit dem Lucky Strike Designer Award sowie mit dem German Design Award „Persönlichkeit“ für ihr Gesamtwerk. Seit vielen Jahren hält Phoenix Design den ersten Platz im iF Ranking creative „design office“ und gilt als führendes unabhängiges Designstudio für Produkt- und Interface Design weltweit. Heute zählt Phoenix Design 70 Mitarbeiter an den Standorten Stuttgart, München, Shanghai. Mit mehr als 750 internationalen Designpreisen wurde Phoenix Design bereits ausgezeichnet. Markenunternehmen wie Axor, Duravit, Gira, Hansgrohe, Hewi, Huawei, Interstuhl, Lamy, LG, Loewe, Samsung, Trumpf, Viessmann, Vorwerk und Zeiss gehören zu den langjährigen Kunden.

  • Bicycle Brand Contest 2016 Magazin

    Bicycle Brand Contest 2016 Magazin

    Rat für Formgebung (2016): Bicycle Brand Contest 2016, 1. Aufl., Rat für Formgebung Medien GmbH, S. 9-14.
    ISBN 978-3-946318-11-8 / www.bicycle-brand-contest.de

ZWISCHEN ELEKTRONIK UND MARKE

Herr Haug, wann saßen Sie zuletzt auf dem Fahrrad?
Gerade am Wochenende war ich zum Triathlon-Training am Bodensee unterwegs – das war herrlich! Wenn ich während der Saison im Training bin, fahre ich gerne zwei bis drei Mal pro Woche. Allerdings bin ich auch ein Schönwetterfahrer – und da sind wir ja in diesem Sommer nicht sehr verwöhnt worden.

Sie waren in der Jury des ersten Bicycle Brand Contest – was hat Sie daran fasziniert?
Besonders spannend war die Bandbreite der Einreichungen, denn es ging ja nicht nur um das Fahrrad selber, sondern auch Bauteile, Bekleidung und Accessoires wurden zum Contest eingereicht. Beim aktuellen Fahrraddesign begeistert mich die Detailqualität. Diese Feinheit in der Gestaltung bei Formübergängen, bei selbst kleinen Bauteilen – das ist heute fantastisch gemacht.

Aber Sie haben ja auch einen kritischen Blick auf die Teilnehmer geworfen.
Natürlich. Was mir aus Designsicht generell im Fahrradmarkt auffällt, ist der Umstand, dass es noch immer Komponentenhersteller und Rahmenhersteller gibt. Die Einheitlichkeit eines Produktes, wie wir es aus dem Automobilbereich kennen, wird beim Fahrrad deswegen oft nicht erreicht. Aus Nutzersicht würde ich mir hier eine höhere Integration der Komponenten und Funktionen wünschen. Beispielsweise Navis und Bordcomputer sind immer additive Elemente, die doch eigentlich das Cockpit des Fahrrades darstellen. Dem Design würde es guttun, wenn die Fahrradhersteller eigene, integrierte Lösungen entwickeln würden.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Gestaltung von Elektrofahrrädern?
Auch hier ist noch Designarbeit zu leisten, aus meiner Sicht ist noch kein echter Archetyp definiert.

Erwarten Sie, dass das passieren könnte?
Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass bei Innovationen zunächst verschiedene Wege eingeschlagen werden, von denen sich dann einer als der beste herausstellt. Beim Elektrofahrrad gibt es im Moment noch sehr viele konstruktive Varianten: Wo sitzt der Akku, wo der Motor, wie ist der Antrieb? Das ist alles noch nicht so ganz gefestigt. Vielleicht sind es auch zwei oder drei verschiedene Ansätze, die sich durchsetzen werden. Entgegen den ersten Modellen, bei denen Batterie und Antrieb noch separate, angeschraubte Teile waren, werden diese nun mehr und mehr integriert. Erst jetzt wird ein ganzheitlich gestaltetes Produkt daraus.

Welche Bedeutung hat die Marke – kann diese beim Fahrrad ähnlich stark werden wie im Automobilbereich?
Da das Fahrrad ein Produkt des täglichen Lebens mit sehr häufigem Nutzerkontakt ist, spielt die Marke hier eine Riesenrolle. Gerade in einem großen und unübersichtlichen Markt bietet sie dem Nutzer Orientierung. Eine Marke aufzubauen, hat natürlich auch etwas mit Präsenz am Markt zu tun. Fahrradhersteller gibt es sehr viele auf dem Markt, aber nur wenige, die so groß sind, dass sie eine wirklich bedeutende Marke schaffen können. Markenarbeit geht ja immer über das eigentliche Produkt hinaus. Am allerwichtigsten ist die Authentizität: Wer eine Marke entwickeln will, muss inhaltlich voll dahinterstehen.

Was ist mit Accessoires, Kleidung und Zubehör – gehört das zum Gesamterlebnis Radfahren dazu?
Ja, absolut. Alles, was zum Fahrrad gehört – auch Erlebnisse, wie gemeinsame Ausfahrten, Veranstaltungen, Kundenevents – fördert die Markenpräsenz. Und der Hersteller kann sich viel intensiver mit seinen Kunden beschäftigen, wenn er über das Produkt hinausdenkt. Dazu zählt auch das Service-Design, also die intensive Beschäftigung mit dem Kunden, die über den Kaufmoment oder eine eventuelle Reparatur hinausgeht – das wird die große Herausforderung der Zukunft. In diesem Dialog erfahren Unternehmen natürlich auch viel mehr über ihre Kunden und deren Bedürfnisse und können so eine viel bessere Nutzerzentriertheit erreichen.

Welchen Service und welches Markenerlebnis der Fahrradhändler dem Kunden bietet, hat der Hersteller heute jedoch kaum unter Kontrolle.
Ja, das ist gefährlich. Der Hersteller hat sehr wenig Zugriff auf den Service vor Ort, die Distanz zum Kunden ist hier ziemlich groß.

Nach dem Auto wird nun auch das Fahrrad vollvernetzt: Elektrischer Antrieb, elektronische Schaltung, Navigation und Diebstahlsicherung – halten Sie dies für eine gute Entwicklung?
Ich denke, es ist eine sehr sinnvolle Entwicklung. Über die Elektronik lässt sich vieles präziser steuern und es können mehr Funktionen integriert werden.

Das könnte ja auch den Radverkehr generell ändern. Wo sehen Sie diesen in Deutschland in zehn Jahren?
Im Moment sehe ich keine großen Umwälzungen, vorstellen kann man sich aber vieles. Vielleicht gibt es ja einmal das selbstfahrende Fahrrad? Das konnte sich vor einiger Zeit beim Automobil auch niemand vorstellen. Warum soll nicht auch das Fahrrad mehr selber können? Unser Büro ist ja auch in die Entwicklung von Robotern involviert – und wenn ich sehe, was hier möglich ist, kann ich mir einiges an elektronischer Unterstützung auch beim Fahrrad vorstellen, gerade in der Fahrsicherheit. Außerdem würde ich mir wünschen, dass es neue Lösungen für die Sichtbarkeit von Fahrrädern im Verkehr gibt – denn das ist ein großer Sicherheitsfaktor.


Quelle: Rat für Formgebung (2016): Bicycle Brand Contest 2016, 1. Aufl., Rat für Formgebung Medien GmbH, S. 11-14.